Schweiz · Migros
Migros will ihre zehn Regionalgenossenschaften verschmelzen – das letzte Wort haben 2,3 Millionen Mitglieder
Der Wettbewerbsdruck zwingt den grössten Detailhändler zur grössten Strukturreform seiner Geschichte. In «Roger gegen Markus» waren sich Schawinski und Somm einig: Der Schritt kommt spät, aber er ist richtig.
Die Migros will sich die grösste Strukturreform ihrer Geschichte verordnen, und entscheiden werden darüber nicht Manager oder Politiker, sondern ihre Eigentümer. Am 26. Oktober kündigte die Führung an, die zehn regionalen Genossenschaften und den Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) zu einer einzigen Gruppengenossenschaft zu verschmelzen. Die Verwaltungen aller zehn Regionalgenossenschaften und des MGB haben dem Plan laut SRF einstimmig zugestimmt. Das letzte Wort haben die rund 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter.
Was geplant ist
Unter dem Dach der neuen Gruppengenossenschaft sollen sieben Geschäftseinheiten weiterhin eigenständig arbeiten, darunter Migros Supermarkt, Denner, Digitec Galaxus und die Migros Bank. Das Supermarktgeschäft würde landesweit aus einer Hand geführt. Die bisherigen regionalen Führungsstrukturen sollen weitgehend durch sechs Regionalräte ersetzt werden, welche die regionalen Anliegen vertreten und die Delegierten der nationalen Delegiertenversammlung wählen. Welche Kompetenzen diese Räte erhalten, ist noch offen.
Die Hürden sind hoch. Die Urabstimmung ist für Mitte 2027 geplant. In jeder der zehn Regionalgenossenschaften braucht es laut cash.ch eine Zweidrittelmehrheit bei einer Stimmbeteiligung von mindestens 25 Prozent; zudem muss die Delegiertenversammlung des MGB zustimmen. Einen Plan für den Fall, dass eine Region ablehnt, hat die Migros nicht vorgelegt. Die Umsetzung soll erst nach der Abstimmung beginnen und mehrere Jahre dauern.
Migros-Chef Mario Irminger und Peter Diethelm, Chef der Migros Supermarkt AG, wollen zum Zeitpunkt der Urabstimmung abtreten. Ihre Nachfolge soll bis Anfang 2027 feststehen. «Das Ziel ist es, bis Anfang 2027 Nachfolgerinnen und Nachfolger zu präsentieren», sagte Migros-Präsidentin Ursula Nold gegenüber SRF.
Was es kostet und was es spart
Zur Frage, wie viele Stellen betroffen sind, schweigt die Migros. Die «SonntagsZeitung» schätzte das Sparpotenzial auf 300 bis 400 Millionen Franken pro Jahr, was rund 3000 Stellen entsprechen könnte; die Migros hat diese Zahlen nicht bestätigt. Eine von SRF zitierte Schätzung eines früheren Kaders liegt mit 200 bis 300 Millionen Franken tiefer. Die Migros verspricht, in den Regionalgenossenschaften bis mindestens Mitte 2028 keine Kündigungen wegen der Reorganisation auszusprechen. Betroffen seien vor allem Verwaltung und Führung.
Irminger wies im Interview mit der «Bilanz» die Lesart zurück, es gehe in erster Linie ums Sparen; im Vordergrund stünden bessere Leistungen für die Kundschaft. «Die Migros wird weniger politisch», sagte er, und Entscheide würden schneller fallen.
Der Druck kommt vom Markt. «Der Wettbewerb ist hart», sagte Miguel Serrano, Präsident der Migros Basel, gegenüber SRF und verwies auf den Einkaufstourismus nach Deutschland und Frankreich. Seit 2024 hat die Migros zahlreiche Tochterfirmen verkauft oder geschlossen, darunter Hotelplan, Melectronics und Do it + Garden; dabei gingen rund 1500 von etwa 100 000 Stellen verloren.
«Roger gegen Markus»: Späte Einsicht
In der Sendung «Roger gegen Markus» auf Radio 1 waren sich die sonst oft uneinigen Kontrahenten am Tag der Ankündigung ausnahmsweise einig. Radio-1-Chef Roger Schawinski sagte, er habe auf diesen Schritt seit Jahrzehnten gewartet. Er erinnerte daran, dass er vor fast 50 Jahren als Chefredaktor der Migros-Zeitung «Die Tat» nahe an der Konzernspitze gewesen sei und dort Regionalfürsten erlebt habe, die alles beherrscht und sich gegenseitig bekämpft hätten. Damals sei das noch gegangen, weil es die heutige Konkurrenz durch Aldi, Lidl und Coop noch nicht gegeben habe.
Publizist Markus Somm meinte, dass sich die Migros eine solche Struktur so lange habe leisten können, zeige, wie viel Geld sie sehr lange verdient habe. Was im Staat gut sei, nämlich Föderalismus, sei in einem Unternehmen nicht unbedingt gut. Dass die Reform nun komme, deute darauf hin, dass es der Migros wirtschaftlich schlecht gehe. Er vermutete, Irminger habe warten müssen, bis die Regionalfürsten begriffen hätten, dass es ums Überleben gehe. Der Schritt sei gut für die Migros und für die Schweiz.
Ein Vierteljahrhundert hinter Coop
Neu ist die Idee nicht. Ein Versuch in den 1990er-Jahren, die damals zwölf Regionalgenossenschaften auf drei zu reduzieren, scheiterte. Die Konkurrentin Coop hat ihre Regionalgenossenschaften bereits 2001 fusioniert. Die «Bilanz» kommentierte, die neue Organisation komme 25 Jahre zu spät.
Offen ist, wie viel von der genossenschaftlichen Mitbestimmung übrig bleibt, wenn die Regionen ihre Selbständigkeit verlieren. Die Migros verspricht, regionale Verankerung und Mitsprache blieben erhalten; Präsidentin Nold betont, Regionalität entstehe nicht durch Strukturen.
Klartext
Somm trifft den Kern: Föderalismus ist eine Stärke des Staates, weil er Macht begrenzt; in einem Unternehmen, das gegen Aldi, Lidl, Coop und den Einkaufstourismus bestehen muss, sind zehn eigene Machtzentren vor allem Kosten. Dass die Migros diesen Schritt ein Vierteljahrhundert nach Coop geht, zeigt, wie lange gute Gewinne strukturelle Schwächen verdecken können. Richtig ist auch, dass der Entscheid bei den Mitgliedern liegt und nicht in einem Gremium fällt. Damit diese Abstimmung ihren Namen verdient, muss die Migros aber offenlegen, was die Reform an Stellen kostet und was geschieht, wenn eine Region Nein sagt; beides fehlt bisher.