Montag, 2. November 2026

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Leo XIV. wählt brieflich: Der erste Papst an einer amerikanischen Urne

Der Vatikan bestätigt, dass Papst Leo XIV. für die Zwischenwahlen vom 3. November per Brief in Illinois abgestimmt hat. Eine Premiere, die eine Frage aufwirft: Wie passt die Stimme eines Bürgers zur Neutralität des Heiligen Stuhls?

Der Papst hat gewählt. Leo XIV., mit bürgerlichem Namen Robert Francis Prevost, hat für die amerikanischen Zwischenwahlen vom 3. November brieflich abgestimmt. Das Presseamt des Heiligen Stuhls bestätigte am Freitag, dem 30. Oktober, der Papst habe seinen Briefwahlzettel in Chicago eingereicht, wie die katholische Nachrichtenagentur OSV News und das Jesuitenmagazin «America» berichten. Er habe sein Stimmrecht als Bürger der Vereinigten Staaten stets wahrgenommen, wenn er dazu berechtigt gewesen sei, auch während seiner Jahre in Peru. Der Heilige Vater sei überzeugt, dass Bürger das Recht und die Pflicht hätten, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen.

Ein Wähler aus Will County

Ans Licht gebracht hatte die Sache die «Chicago Sun-Times». Laut der Zeitung ist der in Chicago geborene Papst weiterhin als Wähler in Illinois registriert, an einer Adresse in New Lenox im Will County südwestlich der Stadt. Am 3. Oktober beantragte er dort einen Briefwahlzettel. Kim Fladhammer, Stabschefin des Wahlbüros von Will County, bestätigte der Zeitung, dass Robert Francis Prevost auf der Liste derer stehe, die für die kommende Wahl einen Briefwahlzettel verlangt hätten. Wie der Wahlzettel vom Vatikan nach Illinois zurückkam, ist nicht bekannt.

Auf dem Zettel stehen unter anderem die Nachfolge von Senator Dick Durbin, die Wiederwahl von Gouverneur JB Pritzker sowie Richter- und Bezirksämter im Will County. Laut der Wahlbehörde von Illinois darf jeder registrierte Wähler brieflich abstimmen; Amerikaner im Ausland haben dieses Recht ohnehin nach Bundesrecht. Pritzker nutzte die Nachricht in den sozialen Medien prompt als Aufruf: Wenn der Papst aus der Vatikanstadt wählen könne, könnten es alle anderen auch.

Für wen Leo gestimmt hat, ist geheim. Die öffentlichen Wahlregister, die die «Sun-Times» ausgewertet hat, zeigen nur, an welchen Wahlgängen er teilnahm: Illinois kennt keine Parteiregistrierung, wer an einer Vorwahl teilnimmt, wählt den Wahlzettel einer Partei. Prevost wählte 2008 und 2010 in den Vorwahlen der Demokraten, 2012, 2014 und 2016 in jenen der Republikaner. An den Hauptwahlen nahm er 2012, 2014, 2016, 2018 und 2024 teil; an der Vorwahl vom März 2026 nicht.

Ist es eine Premiere?

Ja, im engen Sinn. Die «Sun-Times» und OSV News bezeichnen Leo als ersten Papst, der in einer amerikanischen Wahl abstimmt. Das ergibt sich schon daraus, dass er der erste Papst aus den Vereinigten Staaten ist. Ob überhaupt je ein amtierender Papst in seinem Heimatland gewählt hat, etwa Johannes Paul II. in Polen oder Franziskus in Argentinien, liess sich nicht zuverlässig klären; die gelesenen Berichte äussern sich dazu nicht.

Heikel ist die Frage, wie sich die Stimmabgabe mit der Neutralität des Heiligen Stuhls verträgt. Laut «America» war sich der Vatikan der Sensibilität bewusst, zumal Leo und Präsident Donald Trump in mehreren Fragen über Kreuz liegen. Eine Analyse auf dem Fachportal Diplomacy and Law kommt zum Schluss, der Neutralitätsartikel 24 der Lateranverträge von 1929 betreffe Konflikte zwischen Staaten, nicht innenpolitische Wahlen; die persönliche Stimme eines amerikanischen Bürgers verletze ihn nach heutigem Wissensstand nicht. Eine offizielle Wahlempfehlung wäre etwas anderes. Bleibt die Staatsbürgerschaft: Prevost wurde 2015 auch Peruaner, auf die amerikanische hat er laut «America» nie verzichtet.

Was die Podcasts sagen

Im Schweizer Podcast «Bern einfach» des «Nebelspalters» eröffnete der Ringier-Journalist Peter Hossli das Midterm-Spezial mit Markus Somm mit der Papst-Nachricht. Hossli sagte, bei einer Midterm-Wahl habe es etwas gegeben, das es noch nie gegeben habe: Erstmals habe ein Papst gewählt, der Vatikan habe das bestätigt. Er nannte das das vielleicht Aussergewöhnlichste an der Ausgangslage, bevor er zu den Umfragen überging, die für die Demokraten gut aussähen.

Das amerikanische «Evening Wire» des konservativen Daily Wire (Moderation John Bickley und Georgia Howe) brachte die Meldung als Kurznachricht: «Papst Leo XIV. hat Geschichte geschrieben». Die Sendung ergänzte das Abstimmungsverhalten aus den Wahlregistern, zwei demokratische und drei republikanische Vorwahlen, und hielt fest, dass er an jeder Hauptwahl teilgenommen habe ausser 2020 und 2022. Das deckt sich mit den Angaben der «Sun-Times». Beide Sendungen behandelten die Stimmabgabe als Kuriosum; politische Schlüsse zogen sie daraus keine.

Klartext

Dass ein Papst wählt, ist ungewohnt, aber folgerichtig. Leo hat sein Amt angetreten, ohne seine Bürgerrechte abzugeben, und nimmt sie wahr wie Millionen Auslandamerikaner. Wer die Stimmabgabe als Bürgerpflicht versteht, kann ihm das kaum vorwerfen; das Stimmgeheimnis schützt ihn und die Kirche zugleich vor Vereinnahmung. Heikel würde es erst, wenn der Vatikan aus der privaten Stimme eine öffentliche Parteinahme machte. Davon ist bisher nichts zu sehen.

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