USA · USA
Linksruck bei den Demokraten: Viel Lärm, wenige Siege in umkämpften Rennen
Von Mamdani in New York bis El-Sayed in Michigan: Der linke Flügel der Demokraten hat 2026 prominente Vorwahlen gewonnen. Die Zahlen zeigen aber, wo er gewinnt und wo nicht.
Am Dienstag wählen die Amerikaner einen neuen Kongress, und auf den Wahlzetteln der Demokraten stehen so viele Kandidaten vom linken Parteiflügel wie seit Jahren nicht mehr. Ob das der Partei Stimmen bringt oder kostet, haben in dieser Woche zwei deutsche Podcasts diskutiert; beide sehen darin mehr Risiko als Chance.
Wer sich durchgesetzt hat
Ausgangspunkt ist New York, wo der von Senator Bernie Sanders unterstützte demokratische Sozialist Zohran Mamdani im November 2025 mit rund 50 Prozent zum Bürgermeister gewählt wurde (The Ticker).
In den Vorwahlen 2026 setzten sich danach mehrere Kandidaten des linken Flügels gegen Vertreter des Parteiestablishments durch. Am wichtigsten ist Michigan: Der Gesundheitsexperte Abdul El-Sayed schlug am 4. August die gemässigte Abgeordnete Haley Stevens äusserst knapp, mit 48,5 zu 47,5 Prozent, wie ABC News berichtete. El-Sayed trat mit der Unterstützung von Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez an und wirbt für eine staatliche Krankenversicherung für alle, höhere Steuern für Milliardäre und ein Ende der Militärhilfe an Israel. Stevens hatte Gouverneurin Gretchen Whitmer und Fraktionschef Chuck Schumer hinter sich. Laut «Time» ist El-Sayed der erste Linke, der eine Senatsvorwahl in einem Bundesstaat gewann, den Donald Trump 2024 geholt hatte. Einen Sozialisten nennt er sich allerdings nicht.
In Maine nominierten die Demokraten nach dem Rückzug des Vorwahlsiegers Graham Platner im Juli an einem Parteitag den früheren Senatspräsidenten Troy Jackson, der für eine staatliche Einheitskrankenkasse, höhere Steuern für Superreiche und die Abschaffung der Einwanderungsbehörde ICE eintritt (NPR/Michigan Public). In Colorado verdrängte Melat Kiros die langjährige Abgeordnete Diana DeGette (ABC News). Es gibt auch Gegenbeispiele: In Wisconsin kam die demokratische Sozialistin Francesca Hong im Rennen ums Gouverneursamt nicht über die Vorwahl hinaus.
Was die Zahlen sagen
Wie gross der Linksruck ist, ist umstritten. Elaine Kamarck und Jordan Muchnick von der Brookings Institution haben die Vorwahlen in den 43 umkämpftesten Wahlkreisen und Senatsrennen ausgewertet (Brookings). Ihr Befund: Linke Demokraten gewannen dort nur 17,8 Prozent ihrer Rennen, Trump-treue Republikaner 26,7 Prozent; in beiden Parteien schnitten die gemässigten Kandidaten besser ab. Nur fünf Kandidaten der Democratic Socialists of America (DSA) traten in umkämpften Bezirken an, einer gewann. Die Linke siegt vor allem dort, wo die Demokraten ohnehin sicher gewinnen.
An der Basis hat sich das Gewicht dennoch verschoben. In einer Reuters/Ipsos-Umfrage von Anfang August nannten 71 Prozent der selbst erklärten Liberalen höhere Steuern für Konzerne und Milliardäre und 67 Prozent eine staatliche Krankenversicherung für alle als unverzichtbar.
Ob ein linker Kandidat in einem umkämpften Staat gewinnen kann, zeigt sich am Dienstag in Michigan. In der jüngsten Marist-Umfrage (15. bis 18. Oktober) lag El-Sayed mit 50 zu 48 Prozent knapp vor dem Republikaner Mike Rogers, innerhalb der Fehlermarge.
Was die Podcasts sagen
Susanne Heger, USA-Korrespondentin von «Tichys Einblick», sagte im «TE Wecker», bei den Demokraten gewinne die «sozialistische Partei Amerikas» immer mehr die Oberhand; sie nannte Mamdani, Ocasio-Cortez, Sanders und El-Sayed. Eine eigene Partei ist das nicht: Die DSA ist eine Organisation innerhalb des demokratischen Lagers, Sanders ist parteiloser Senator, El-Sayed bezeichnet sich nicht als Sozialist. Wo es knapp werde, so Heger, wachse der Einfluss dieses Flügels auf die Kandidatenauswahl. Einen Sieg des Sozialismus erwartet sie trotzdem nicht: «Ob Amerika sozialistisch wird, wage ich arg zu bezweifeln.» Gerade Latinos und junge Kubaner hätten davon genug. Bei den Republikanern erwartet sie umgekehrt ein Erstarken der Konservativen.
Der Amerika-Experte Josef Braml sah im Podcast von «Cicero» das Problem der Demokraten grundsätzlicher: Sie könnten sich auf nichts einigen ausser auf die Ablehnung Trumps. «Das könnte jetzt diesmal reichen», sagte er mit Blick auf die Wahl. Am linken Rand gebe es jedoch Leute, die antisemitisch wirkten; auf Nachfrage nannte er Mamdani und Ocasio-Cortez, schränkte aber selbst ein, es müsse nicht immer Antisemitismus sein, es komme oft so herüber. Was in Europa Sozialdemokratie heisse, gelte in den USA als radikal: «Aber in Amerika ist das immer nahe am Kommunismus.» Die Mitte der Clinton-Jahre sei verschwunden; die Extreme beider Parteien hälfen sich gegenseitig, weil jede Seite vor der anderen warnen könne.
Einig sind sich beide, dass der linke Flügel stärker wird und Wähler der Mitte abschrecken kann. Heger betonte die Erinnerung von Einwanderern an sozialistische Regime, Braml die Entfremdung der Parteielite von der Basis.
Klartext
Die Daten stützen den Befund eines wachsenden linken Flügels, aber nicht das Bild einer Übernahme: Wo die Wahl tatsächlich umkämpft ist, haben sich meist die Gemässigten durchgesetzt. Die Vorwahlwähler entscheiden nüchterner, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Wer eine staatliche Einheitskrankenkasse und neue Steuern verspricht, muss allerdings sagen, wer das bezahlt und was es für Wettbewerb und Eigenverantwortung bedeutet; darauf schulden die linken Kandidaten eine überzeugende Antwort. Michigan wird zeigen, ob ihr Programm über die sicheren Hochburgen hinaus trägt. Verliert El-Sayed, hat die Parteimitte ihr Argument; gewinnt er, wird der Druck auf die Demokraten, nach links zu rücken, weiter steigen.
«Ob Amerika sozialistisch wird, wage ich arg zu bezweifeln.»
– Susanne Heger, USA-Korrespondentin, im «TE Wecker» von Tichys Einblick
«Aber in Amerika ist das immer nahe am Kommunismus.»
– Josef Braml im Podcast «Cicero Politik»