Europa · Russland
Stubb und Støre am Telefon mit Putin: Zwei Nachbarn gehen eigene Wege
Finnlands Präsident und Norwegens Regierungschef haben 90 Minuten mit dem Kremlchef gesprochen. Kopenhagen ist verärgert, Brüssel schweigt, Moskau bleibt bei seinen Bedingungen – und die Rechnung für den Krieg wächst.
Am Dienstag, 27. Oktober, haben der finnische Präsident Alexander Stubb und der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre aus Helsinki mit Wladimir Putin telefoniert. Das Gespräch dauerte rund 90 Minuten; es war das erste Mal, dass die beiden mit Putin über den Krieg in der Ukraine sprachen, wie blue News berichtet. Stubb bezeichnete das Gespräch als offen und substanziell und erklärte, ohne direkte Gespräche lasse sich der Krieg nicht beenden. Der Anruf sei mit der Ukraine und den USA vorbereitet worden, sagte er laut Interfax-Ukraine.
Vorausgegangen war ein Treffen in Oslo am 20. Oktober mit Wolodymyr Selenskyj und dem US-Sondergesandten Steve Witkoff. Nach dem Anruf informierten Stubb und Støre Selenskyj; dieser dankte ihnen und sagte, sie hätten Putin klargemacht, dass es konkrete Schritte zur Deeskalation bei der ukrainischen Energieversorgung brauche.
Die Version des Kremls
Moskau rückte von seinen Bedingungen nicht ab. Ein gerechter und dauerhafter Frieden sei nur möglich, wenn die Interessen Russlands vollständig berücksichtigt würden, gibt EUobserver die Mitteilung des Kremls wieder. Putin kündigte Gespräche in Abu Dhabi in der ersten Novemberhälfte an und berichtete von einer lokalen Waffenruhe um Oleschky mit einem geplanten humanitären Korridor. Putin-Berater Juri Uschakow sagte, die beiden hätten Selenskyjs Interesse an direkten Gesprächen übermittelt; Putin habe geantwortet, Selenskyj solle dafür nach Moskau kommen.
Die «Financial Times» berichtete tags darauf unter Berufung auf mit dem Gespräch vertraute Personen, Putin habe einen Grossteil der Zeit mit Ausführungen zur Geschichte verbracht; geplant gewesen seien weniger als 30 Minuten, eine sofortige Waffenruhe sei kaum zur Sprache gekommen (Meduza).
Kritik aus Kopenhagen, Schweigen aus Brüssel
Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sagte dem Sender DR, sie sei sehr skeptisch; die Initiative sei nicht mit den Partnern abgestimmt gewesen, und sie sehe keine Anzeichen, dass Russland Frieden mit Europa wolle. Europa müsse geschlossen auftreten.
Støre widersprach: Alle Verbündeten seien vorab informiert worden (LIGA.net). Man habe für niemanden ausser für sich selbst gesprochen; Norwegen sei Nachbar Russlands und teile mit ihm ein grosses Meeresgebiet. Eine öffentliche Stellungnahme der EU-Kommission oder der Aussenbeauftragten Kaja Kallas zum Anruf liess sich nicht finden. Dabei hat Brüssel selbst schon nach Kanälen gesucht: Im Juni hatte die «Financial Times» berichtet, der Stabschef von Ratspräsident António Costa habe mit einem hohen russischen Vertreter telefoniert (Kyiv Independent).
Dazu kommt die Rechnung. Am 16. Oktober beauftragte der Europäische Rat die Kommission, Vorschläge zur Deckung einer ukrainischen Haushaltslücke von 70 Milliarden Euro allein für 2027 auszuarbeiten (Ukrainska Pravda).
Was die Podcasts sagen
In «Weltwoche Daily» lobte Roger Köppel den Schritt ausdrücklich: «Also bravo, dass da diese Skandinavier jetzt diesen Schritt gemacht haben.» Er sagte, Støre habe die Darstellung, Putin habe bloss einen Monolog gehalten, als Fake News zurückgewiesen; eine solche Äusserung Støres liess sich nicht belegen. Für Köppel zeigt der Anruf, dass der Krieg für die Ukraine verloren sei.
Bei «Kontrafunk aktuell» begrüsste der frühere Brigadegeneral Erich Vad das Gespräch und kritisierte, dass Medien wie die FAZ es nun lobten, nachdem in Deutschland jahrelang eine «regelrechte Brandmauer» gegen Gespräche mit Putin gegolten habe. Finnland und Norwegen handelten als Nachbarn Russlands legitim im nationalen Interesse. Seine Aufzählung weiterer europäischer Gesprächspartner Moskaus liess sich nicht bestätigen. Als einen Auslöser nannte er die 70-Milliarden-Lücke im ukrainischen Haushalt.
Im Podcast «PUNKT.PRERADOVIC» sprach der Schweizer Analyst Jacques Baud, gegen den die EU selbst Sanktionen verhängt hat, von einer Wende: Erstmals komme der Wunsch nach Verhandlungen aus Europa. Costa habe bereits vor Monaten Kontakte gesucht, sei aber von Ursula von der Leyen gestoppt worden; das liess sich nicht bestätigen.
Alle drei Stimmen begrüssen den Anruf; nach den bisher bekannten Darstellungen hat Moskau darin allerdings keine Position geräumt.
Klartext
Stubb und Støre haben richtig gehandelt. Finnland und Norwegen grenzen an Russland, sie tragen das Risiko dieses Kriegs direkter als Brüssel, und als souveräne Staaten entscheiden sie selbst, mit wem sie reden; der Anruf war mit Kiew und Washington vorbereitet. Eine EU-Kommission, die zum Anruf schweigt, während Costas Stabschef schon im Juni selbst einen Kanal nach Moskau suchte, hat kein Recht auf ein Gesprächsmonopol. Wer Gespräche ablehnt, muss den Bürgern sagen, wie lange sie den Krieg noch finanzieren sollen: Allein für 2027 will die EU eine ukrainische Haushaltslücke von 70 Milliarden Euro decken. Dass Putin nichts geräumt hat, spricht nicht gegen das Reden, sondern dafür, es mit klaren Interessen weiterzuführen.
«Also bravo, dass da diese Skandinavier jetzt diesen Schritt gemacht haben.»
– Roger Köppel, Weltwoche Daily