Schweiz · Klimapolitik
BAFU rechnet Klimakosten mit einem Szenario, das die Forschung für unplausibel hält
Bis zu 24 Milliarden Franken pro Jahr soll der Klimawandel die Schweiz 2060 kosten – im Extremfall. Die Studie selbst zeigt: Anpassung senkt die Kosten massiv, und der grösste Einzelposten macht 0,3 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.
Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat ausrechnen lassen, was der Klimawandel die Schweiz kostet, und die Antwort klingt dramatisch: Ohne Klimaschutz und ohne Anpassung kämen laut watson im Jahr 2060 bis zu 24 Milliarden Franken pro Jahr zusammen. Diese Zahl beruht allerdings auf dem Szenario RCP 8.5, also auf ungebremst steigenden Emissionen. Genau dieses Szenario hält die Klimaforschung inzwischen selbst nicht mehr für realistisch. Und wer den Bericht liest, findet vor allem einen Befund: Anpassung wirkt.
Die Studie «NCCS-Impacts P5» stammt von einem Team um das Zürcher Beratungsunternehmen EBP, mit der Universität Zürich, Ecoplan und weiteren Partnern. Das BAFU stellte sie am 13. Oktober online, laut watson ohne Medienmitteilung. Vorgestellt wurde sie am 29. Oktober am Forum Klima Schweiz.
Das Extremszenario als Massstab
Gerechnet wird für 2060 gegenüber der Periode 1981–2010, mit den drei Emissionsszenarien der Schweizer Klimaszenarien CH2018: konsequenter Klimaschutz (RCP 2.6), mittlerer (RCP 4.5) und keiner (RCP 8.5). Im April 2026 hielt das Forschungsgremium ScenarioMIP, das die Szenarien für den nächsten Bericht des Weltklimarats liefert, in der Fachzeitschrift Geoscientific Model Development fest, die hohen Emissionspfade von SSP5-8.5 seien «implausible» geworden. Die BAFU-Studie stützt sich auf die älteren CH2018-Daten; ihre Modellierung begann 2024. Die Schlagzeilenzahl von 24 Milliarden stammt trotzdem aus diesem Pfad.
Die Autoren warnen zudem selbst davor, ihre Einzelresultate zu einer Gesamtsumme zu addieren: «Eine Aggregation der Einzelresultate zu einem gesamtwirtschaftlichen Gesamtergebnis könnte daher zu Verzerrungen führen.» Genau diese Summe ging aber durch die Medien.
Was die Zahlen tatsächlich zeigen
Der grösste Posten sind hitzebedingte Todesfälle. Die Studie bewertet jeden mit dem «Wert eines statistischen Lebens» von 7,3 Millionen Franken, übernommen aus den Berechnungen des Bundes zu den externen Kosten des Verkehrs. So ergeben sich im Szenario RCP 8.5 Gesundheitskosten von rund 6,5 Milliarden Franken pro Jahr. Mit Anpassung, deren Kosten eingerechnet, sind es noch rund 2 Milliarden: 69 Prozent weniger.
Den grössten Verlust an Wertschöpfung sieht die Studie im Wintertourismus, unter der Annahme, dass Skigebiete mit einer Bergstation unter 1800 Metern den Betrieb einstellen. Er beträgt rund 1,9 Milliarden Franken pro Jahr mit konsequentem Klimaschutz und 2,4 Milliarden ohne, also 0,2 beziehungsweise 0,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts von 2023. Der Unterschied zwischen weltweitem Klimaschutz und gar keinem macht hier rund eine halbe Milliarde aus.
Raphael Bucher, Leiter Klimapolitik im BAFU, sagte gegenüber SRF, die tatsächlichen Kosten dürften höher liegen: «Es kann gut sein, dass sich Risiken gegenseitig verstärken. Das kann die Studie nicht abdecken.» ETH-Klimaforscher Reto Knutti kritisierte laut watson, die Studie sei möglichst diskret veröffentlicht worden, und vermutete politische Gründe. Das BAFU weist das zurück.
Was die Podcasts sagen
In «Bern einfach» (29. Oktober) gingen Markus Somm und Dominik Feusi hart mit dem Amt ins Gericht. Somm sagte, das BAFU sei eines der linkesten Bundesämter, viele Beamte seien eigentlich Aktivisten; Bundesrat Albert Rösti, sonst einer der besten Bundesräte, greife personell zu wenig durch. Feusi sagte, man rechne bis 2060 und mit dem Extremszenario, damit das Ergebnis schlimmer aussehe, obwohl dieses im Frühling als unplausibel eingestuft worden sei; das sei ein Skandal und müsse Konsequenzen haben. Die Sendung ist in Mundart, die Aussagen sind sinngemäss wiedergegeben.
Der Ökonom Reiner Eichenberger (Universität Freiburg) kam in der «Schweizerstunde» von Kontrafunk (26. Oktober) zum gleichen Kern: Die Autoren wollten zeigen, wie schlimm der Klimawandel sei, und kämen mit «lächerlich kleinen Zahlen» heraus. Gemessen am erwarteten Wirtschaftswachstum bis 2060 seien die Mehrkosten gering. Den Wert eines statistischen Lebens hält er bei Hitzetoten, die meist sehr alt seien, für falsch angewendet, und den technischen Fortschritt bei der Anpassung für unterschätzt. Statt Subventionen und Vorschriften schlägt er eine CO2-Abgabe vor, deren Ertrag vollständig über tiefere Steuern an die Bürger zurückfliesst. «Klima hat Kosten, Klimaveränderung, aber eine schlechte Klimapolitik hat auch Kosten.»
Klartext
Die Studie widerlegt den Alarm, den sie auslösen sollte. Selbst im Extremszenario, das die Forschung inzwischen für unplausibel hält, kostet der grösste wirtschaftliche Einzelposten 0,3 Prozent der Wirtschaftsleistung, und Anpassung senkt die Hitzekosten um zwei Drittel. Das ist kein Auftrag für neue Abgaben, Subventionen und Verbote, sondern ein Argument für Wachstum, Technik und Eigenverantwortung: Eine reiche Schweiz passt sich an, eine gegängelte nicht. Wer mit einem verworfenen Szenario und einer Summe rechnet, vor der die eigenen Autoren warnen, betreibt Politik, nicht Wissenschaft. Bundesrat Rösti muss in seinem Amt aufräumen.
«Klima hat Kosten, Klimaveränderung, aber eine schlechte Klimapolitik hat auch Kosten.»
– Reiner Eichenberger, Kontrafunk «Schweizerstunde»