Deutschland · Energiepreise
Heizöl 83 Prozent teurer, Gas auf Vierjahreshoch: Der Staat füllt die Speicher nun zum Höchstpreis
Heizöl, Gas und Börsenstrom kosten in Deutschland so viel wie seit Jahren nicht. Nachdem das Wirtschaftsministerium lange auf den Markt setzte, muss die bundeseigene Sefe nun in der teuersten Phase Gas einlagern.
Wer mit Öl oder Gas heizt, zahlt in diesem Winter deutlich mehr. Heizöl kostete am 31. Oktober im bundesweiten Schnitt 179 Euro je 100 Liter bei einer Standardlieferung von 3000 Litern, wie netz-trends unter Berufung auf den Preisindex von Tecson berichtet. Ein Jahr zuvor waren es 97,60 Euro, ein Plus von rund 83 Prozent. Je nach Portal und Stichtag liegen die Durchschnittswerte Ende Oktober zwischen gut 171 und 182 Euro; der Sender KONTRAFUNK nannte in seiner Sendung vom 30. Oktober rund 1,73 Euro pro Liter, was in diesem Rahmen liegt.
Beim Gas ist die Lage ähnlich. Der Terminkontrakt TTF zur Lieferung im Folgemonat, der europäische Referenzpreis, erreichte am 27. Oktober in Amsterdam 97,64 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Ende 2022, wie das Portal Srpske berichtete. Im Februar, kurz vor Beginn des Iran-Kriegs, lag der Preis bei rund 30 Euro. Als Haupttreiber gelten die weitgehend blockierte Strasse von Hormus, eine wichtige Route für Flüssiggas, und das verspätete Auffüllen der Speicher vor dem Winter.
Strom folgt dem Gas
Auch der Strom wird teurer. Nach Daten der Bundesnetzagentur lag der durchschnittliche Day-Ahead-Börsenstrompreis im dritten Quartal 2026 bei 125,51 Euro je Megawattstunde, 51,7 Prozent mehr als im Vorjahresquartal (pv magazine).
Der Grund liegt im Merit-Order-Prinzip, das KONTRAFUNK mit dem als österreichischen Energieunternehmer vorgestellten Thomas Eisenhut erörterte. An der Börse bieten die Kraftwerke nach ihren Grenzkosten an; das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch gebraucht wird, setzt den Preis für alle. Das ist oft ein Gaskraftwerk. Steigt der Gaspreis, steigt der Strompreis, auch für Wind- und Solarstrom.
Eisenhut verteidigte das Verfahren. Es werde seit über 25 Jahren angewandt, halte den Markt liquide und sei nie ein Problem gewesen. «Das eigentliche Problem ist nicht die Merit Order», sagte er. Vielmehr habe die Politik den Gaspreis selbst nach oben getrieben: durch den Verzicht auf günstiges Pipeline-Gas, durch Energiesteuer und CO2-Preis, die fossile Kraftwerke belasteten, während Wind und Solar mit Steuergeld gefördert würden. Den politischen Eingriff müsse man «radikal» zurücknehmen. Zudem könne Windkraft ohne konventionelle Kraftwerke im Hintergrund keinen Haushalt sicher versorgen. Diese These ist umstritten; Befürworter der Energiewende halten entgegen, dass erneuerbare Anlagen den Börsenpreis in wind- und sonnenreichen Stunden senken, wie die 675 Viertelstunden mit negativen Preisen im dritten Quartal zeigen, und dass Speicher und Netze die Abhängigkeit vom Gas langfristig verringern sollen.
Der Staat kauft nun teuer ein
Am Schluss der Sendung warf KONTRAFUNK der Bundesregierung vor, auf sinkende Gaspreise spekuliert und die Speicher nicht rechtzeitig gefüllt zu haben; nun müsse zu höheren Preisen eingespeichert werden. Der Kern dieses Vorwurfs ist belegt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wies Ende September das bundeseigene Unternehmen Sefe, die frühere Gazprom Germania, an, bis zum 15. Dezember zusätzlich 8 Terawattstunden Erdgas zu beschaffen und einzuspeichern, nach Angaben des Ministeriums in Absprache mit Bundeskanzler Friedrich Merz (dpa via Ad-hoc-News). Die Speicher waren damals zu rund 58 Prozent gefüllt, Ende Oktober zu etwa 61 Prozent, gegenüber rund 75 Prozent ein Jahr zuvor.
Noch im August hatte das Ministerium staatliche Eingriffe abgelehnt. «Staatliche Eingriffe sollten höchst sorgsam überlegt sein, denn sie beeinflussen das Marktgeschehen und damit die Preise», sagte Staatssekretär Frank Wetzel laut t-online. Im Bundestag hatte Reiche Anfang September versichert: «Wir haben Vorkehrungen getroffen für jedes Szenario.» In einer Videokonferenz mit sechs Gaskonzernen räumte sie laut einem Bericht des «Spiegel», zitiert von Apollo News, ein: «Man hätte früher handeln müssen.» Ob die staatlichen Zukäufe den Weltmarktpreis zusätzlich treiben, wie KONTRAFUNK nahelegte, lässt sich nicht beziffern; Marktberichte nennen das Auffüllen der Speicher aber ausdrücklich als einen der Preistreiber.
Klartext
Der Gaspreis ist in erster Linie ein Kriegspreis: Die Blockade der Strasse von Hormus hat kein deutsches Ministerium zu verantworten. Hausgemacht ist aber, dass Deutschland sich mit dem Ausstieg aus Kernkraft und billigem Pipeline-Gas und mit steigenden CO2-Abgaben besonders verwundbar gemacht hat. Dass das Ministerium im Sommer auf den Markt vertraute, war ordnungspolitisch vertretbar; die Speicherregeln hat der Staat allerdings selbst gesetzt, und wer Füllstände vorschreibt, trägt Verantwortung, wenn sie verfehlt werden. Nun kauft der Steuerzahler über Sefe in der teuersten Phase ein. Wer Haushalte wirklich entlasten will, sollte bei den staatlich gesetzten Preisbestandteilen ansetzen, bei Energiesteuer, CO2-Preis und Netzentgelten, statt mit weiteren Eingriffen die nächsten Verzerrungen zu schaffen.
«Man hätte früher handeln müssen.»
– Wirtschaftsministerin Katherina Reiche laut «Spiegel» (zitiert von Apollo News)