Deutschland · Gasspeicher
Deutschland verfehlt das Gasspeicherziel – und Italien zürnt
Zum Stichtag 1. November waren die deutschen Gasspeicher nur zu rund 61 statt 70 Prozent gefüllt. Berlin sieht die Versorgung gesichert, die Speicherbranche warnt, Rom macht Deutschland für hohe Preise verantwortlich.
Der Stichtag ist verstrichen, das Ziel verfehlt. Zum 1. November hätten die deutschen Gasspeicher im Schnitt rund 70 Prozent gefüllt sein müssen. Tatsächlich waren es nach Daten der europäischen Speicherplattform AGSI etwa 61 Prozent. Die Deutsche Welle nennt 61,2 Prozent, ein Bericht unter Berufung auf AGSI 61,4 Prozent; die «Börsen-Zeitung» bezifferte den Stand zwei Tage zuvor auf 62 Prozent. Der Abstand zum Ziel beträgt damit knapp neun Prozentpunkte.
Im «TE Wecker» von Tichys Einblick vom 2. November hiess es dazu knapp: «Das deutsche Ziel für den 1. November ist damit klar verfehlt.»
Was das Gesetz verlangt
Die Vorgabe ist ein Mischwert. Für die meisten Speicher schreibt die Verordnung mindestens 80 Prozent vor, für sechs Anlagen genügen 45 Prozent; daraus ergibt sich der Durchschnitt von rund 70 Prozent. Zu den sechs Ausnahmen zählt laut dem Podcast auch Rehden in Niedersachsen, der grösste Speicher Westeuropas. Er war nach Angaben der «taz» zu Beginn der Heizperiode zu knapp 20 Prozent gefüllt.
Der «TE Wecker» rechnete vor, im Speicher lägen gut 151 Milliarden Kilowattstunden Gas, rund 22 Milliarden Kilowattstunden weniger als vom Ziel verlangt. Vor einem Jahr habe der Füllstand bei rund 75 Prozent gelegen, im EU-Schnitt seien es derzeit 74,7 Prozent. Die Grössenordnung stimmt: Deutschland startete laut Clean Energy Wire 2025 mit 75 Prozent in die Heizperiode, und die «Börsen-Zeitung» nennt für die EU rund 75 Prozent. Die exakten Werte zu Volumen und Lücke liessen sich nicht unabhängig überprüfen.
Sanktionen drohen niemandem. Das Gesetz sieht keine vor, wie Timm Kehler vom Verband Gas- und Wasserwirtschaft laut t-online festhielt; die Ziele seien ein Sicherheitsnetz.
Behörde beruhigt, Speicherbranche warnt
Das Wirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) erklärte, die Gasversorgung sei auch bei den derzeitigen Füllständen für den Winter gesichert. Entscheidend seien auch Ausspeiseraten und laufende Importe. Die Bundesnetzagentur stuft das Risiko einer angespannten Lage als gering ein. Ihr Präsident Klaus Müller sagte, es sei für die sichere Versorgung nicht mehr zwingend, dass die Speicherziele erreicht würden; er verweist auf die neuen LNG-Terminals. Zugleich warnte er, Gas sei erheblich teurer geworden.
Anders sieht es die Initiative Energien Speichern (INES), der Verband der Speicherbetreiber. Geschäftsführer Sebastian Heinermann sprach von einem ernst zu nehmenden Warnsignal: Deutschland gehe mit kleineren Reserven in den Winter, ein sehr kalter Winter oder Importstörungen könnten besonders im Februar und März zu Engpässen führen. Der «TE Wecker» erklärte den Mechanismus: Je leerer ein Speicher, desto weniger kann er pro Tag liefern. Eine Antwort der Bundesregierung an den Bundestag nennt den Spätwinter 2027 selbst als kritische Phase, falls niedrige Stände mit einer langen Kälteperiode zusammentreffen.
Erst Markt, dann Weisung
Reiche hatte lange auf Marktanreize gesetzt und staatliche Käufe vermieden. Ende September, bei einem Füllstand von rund 58 Prozent, wies sie in Absprache mit Bundeskanzler Friedrich Merz den bundeseigenen Gashändler Sefe an, bis zum 15. Dezember zusätzlich 8 Terawattstunden einzuspeichern, wie die ZfK berichtete. Gemessen an rund 248 Terawattstunden Gesamtkapazität sind das gut drei Prozent. Allfällige Verluste trägt laut ZfK Sefe selbst, nicht der Bundeshaushalt und nicht eine neue Umlage. Nur: Sefe gehört dem Bund und soll nach Vorgabe der EU-Kommission bis Ende 2028 weitgehend privatisiert werden. Jeder Verlust schmälert den Wert, den der Steuerzahler dereinst erlöst.
Die Ursache des Problems ist ökonomisch. Seit dem Ukraine-Krieg lohnt es sich für Händler kaum noch, im Sommer günstig einzulagern und im Winter teuer zu verkaufen, weil die Sommerpreise ebenfalls hoch sind; dazu kam in diesem Jahr der Preisschock nach der Sperrung der Strasse von Hormus.
Italien zürnt
Was die Lage kostet, zeigt der Markt. Laut «TE Wecker» kostete Gas zur Lieferung im Dezember am niederländischen Handelspunkt TTF am Freitag mehr als 100 Euro je Megawattstunde; den genauen Schlusskurs konnten wir nicht überprüfen, die «Börsen-Zeitung» nennt ein Niveau um 100 Euro. Ob und wann das bei Haushalten ankommt, hängt vom Tarif ab.
Aus Rom kommt deshalb Kritik. Alessandro Noce, Generalsekretär für Energiemärkte im italienischen Umweltministerium, sagte laut «Börsen-Zeitung» an einer Tagung in Mailand, die Preise lägen bei 100 Euro, weil die Deutschen einkauften; sonst wären es 70 Euro. Italien habe für 300 Millionen Euro eingelagert, seine Speicher seien zu 91 Prozent voll, und nun zahle es doppelt. Das Wirtschaftsministerium in Berlin wies das entschieden zurück: Sefe kaufe ausserhalb der EU, das Gas sei weitgehend zusätzlich. Die Kritik fällt zudem in den italienischen Wahlkampf.
Klartext
Die Bundesregierung hat ein Speicherziel ins Gesetz geschrieben, das niemand einhalten muss, und den Markt zugleich so verzerrt, dass sich Speichern nicht mehr lohnt. Als die Zahlen schlecht wurden, griff sie zur Weisung an ein Staatsunternehmen, das sie eigentlich verkaufen will. Das ist keine Energiepolitik, sondern Improvisation auf Kosten von Steuerzahlern und Gaskunden. Versorgungssicherheit entsteht durch verlässliche Regeln, unter denen sich private Vorratshaltung rechnet, nicht durch Planziele ohne Folgen und Notkäufe in letzter Minute. Bleibt der Winter mild, hat Berlin Glück gehabt; gut regiert hat es nicht.
«Das deutsche Ziel für den 1. November ist damit klar verfehlt.»
– TE Wecker, Tichys Einblick, 2.11.2026