International · Indonesien
MSCI will Indonesien aus den Schwellenländern werfen
Der Indexanbieter schlägt vor, Indonesien zum Standalone Market herabzustufen, eine Stufe unter Frontier. Grund sind undurchsichtige Besitzverhältnisse und mutmassliche Kursmanipulation; die Börse in Jakarta verlor in zwei Tagen fast 15 Prozent.
Der Indexanbieter MSCI hat am 15. Oktober eine Konsultation eröffnet, die Indonesien aus dem Schwellenländer-Universum werfen soll. Vorgeschlagen ist nicht die Herabstufung zum Frontier Market, mit der viele gerechnet hatten, sondern der Status eines Standalone Market, einer Kategorie ausserhalb sowohl der Schwellenländer- als auch der Frontier-Indizes. Rückmeldungen von Marktteilnehmern deuteten darauf hin, schreibt MSCI, dass eine Einstufung als Frontier Market das Ausmass der Probleme nicht angemessen abbilden würde.
Im Podcast «Tichys Börsenwecker» griff Moderator Philipp Mattheis das Thema in zwei Folgen auf. Indonesien habe «gerade erfahren, wie mächtig ein Indexanbieter sein kann», sagte er am 2. November. Gründe seien undurchsichtige Eigentümerstrukturen und Zweifel daran, wie viele Aktien tatsächlich frei handelbar seien.
Was MSCI bemängelt
Die Begründung des Indexanbieters ist deutlich. Schon in der Marktklassifizierung vom Juni hatten Investoren laut MSCI eine anhaltende Intransparenz bei den Aktionärsstrukturen und mutmasslich koordinierten Handel bemängelt. Jakarta kündigte darauf Reformen an: Offenlegung von Aktionären ab 1 Prozent Beteiligung, ein Meldesystem für stark konzentrierten Aktienbesitz (High Shareholding Concentration) und einen Fahrplan zu einem Mindest-Streubesitz von 15 Prozent. Doch nach Angaben von MSCI sehen die Marktteilnehmer bisher keine ausreichenden Fortschritte, es fehle insbesondere an Belegen für eine wirksame Durchsetzung. MSCI will an der Herabstufung festhalten, sofern die Konsultation keine klaren Verbesserungen zeigt. Rückmeldungen sind bis zum 30. April 2027 möglich, der Entscheid fällt spätestens am 30. Juni 2027. Seit Januar hat MSCI zudem indonesische Titel eingefroren: keine Gewichtserhöhungen, keine Neuaufnahmen.
In Indonesien hat das Phänomen einen Namen: goreng-goreng saham, Aktien frittieren. Gemeint ist laut Reuters Handel zwischen verbundenen Parteien, der die Kurse in die Höhe treibt. Wo ein Grossteil der Aktien in der Hand weniger Familien oder verbundener Gesellschaften liegt, ist der ausgewiesene Börsenwert wenig wert, weil kaum ein Aussenstehender zu diesem Preis kaufen oder verkaufen kann. Titel mit stark konzentriertem Besitz machen nach Angaben von Börsenchef Jeffrey Hendrik rund 18 Prozent der Gewichtung des Leitindex aus, wie Bloomberg berichtete.
Der Ausverkauf
Die Reaktion war heftig. Der Jakarta Composite Index fiel am 16. Oktober um 11,6 Prozent und gab am folgenden Montag weiter nach. Über die zwei Tage summierte sich der Verlust laut Reuters auf 14,8 Prozent oder rund 82 Milliarden Dollar, ein Rekord. Seit Jahresbeginn liegt der Markt rund 40 Prozent im Minus. Goldman Sachs schätzt, dass ein vollständiger Ausschluss passive Abflüsse von 5,6 Milliarden Dollar auslösen könnte; aktive Fonds, die sich an den MSCI-Indizes messen, halten laut Reuters mehr als 8 Milliarden Dollar.
Mattheis erklärte im Börsenwecker vom 31. Oktober den Mechanismus: Wer einen Schwellenländer-ETF kaufe, kaufe automatisch alles, was unter diesem Etikett laufe. «Und wenn dann eine Abstufung kommt, dann müssen quasi diese Fonds automatisch ihre Positionen liquidieren.» In derselben Sendung sprach er allerdings von einer bereits erfolgten Abstufung; tatsächlich handelt es sich bisher um einen Vorschlag.
Jakartas Antwort
Die Behörden reagierten mit Notmassnahmen und Reformversprechen. Die Börse halbierte die tägliche Verlustgrenze für Einzelaktien von 15 auf 7 Prozent und kündigte an, Titel mit stark konzentriertem Besitz aus der Indexberechnung zu nehmen. Die Finanzaufsicht OJK verhängte gegen Beteiligte an mutmasslicher Kursmanipulation in drei Titeln Bussen von insgesamt 2,1 Billionen Rupiah, rund 116 Millionen Dollar. Zudem dürfen Unternehmen bis Juni 2027 ohne Aktionärsbeschluss eigene Aktien zurückkaufen; der zuständige OJK-Direktor Hasan Fawzi mahnte laut Bernama, dabei dürfe der Mindest-Streubesitz nicht unterlaufen werden. Der Index erholte sich in der Woche bis zum 23. Oktober um 4,9 Prozent auf 5439 Punkte.
Präsident Prabowo Subianto schlug einen anderen Ton an. Vor seinem Kabinett warf er MSCI am 21. Oktober laut Reuters vor, Indonesien einschüchtern zu wollen; das Land fürchte niemanden. MSCI hielt fest, seine Entscheide folgten transparenten, regelbasierten Methoden.
Mattheis zog im Börsenwecker den grösseren Bogen: In vielen kleineren Märkten seien Minderheitsaktionäre schlechter geschützt, Unternehmen würden vom Staat oder einzelnen Familien kontrolliert, Informationen seien schwer zu bekommen. Aus ähnlichen Gründen treffe es nun Indonesien. In der Sendung vom 31. Oktober nannte er Indonesien zugleich den billigsten Markt Südostasiens, der für geduldige Anleger am Zyklustief stehen könnte.
Klartext
MSCI ist nicht der Gegner Indonesiens, sondern der Bote. Der Indexanbieter gibt weiter, was Anleger weltweit seit Monaten sagen: Wer nicht sicher weiss, wem ein Unternehmen gehört, wie viele Aktien wirklich handelbar sind und ob Kurse gemacht oder gebildet werden, investiert nicht. Das ist keine Einschüchterung, das ist Eigentumsschutz in seiner einfachsten Form. Prabowos Trotz ändert daran nichts; Bussen, ein durchgesetzter Streubesitz von 15 Prozent und eine Aufsicht, die sich auch an mächtige Familien wagt, ändern es. Bis Ende April 2027 hat Jakarta Zeit, Taten zu zeigen.
«Und wenn dann eine Abstufung kommt, dann müssen quasi diese Fonds automatisch ihre Positionen liquidieren.»
– Philipp Mattheis, «Tichys Börsenwecker», 31. Oktober 2026